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Mal was anderes...

Als ich am Wochenende zu meinen Eltern gefahren bin, sah ich auf dem Wohnzimmerschrank Karten für Reinhard Mey rumliegen.
Ich sagte zu meiner Mutter: "Oh, fährst du da morgen hin?"
Und sie antwortete: "Ja, möchtest du mit? Papa geht es noch nicht so gut, er möchte nicht hin."
Da hab ich doch mal spontan "ja" gesagt.
Konzert ist schließlich immer gut, ne?
Also sind wir am Samstag zusammen mit Nachbarn nach Bochum gefahren. Wir standen dann erst mal eine halbe Stunde in einer langen Schlange vor der Halle, da die Ticketabreißerinnen drinnen sich sehr viel Mühe gaben und dementsprechend Zeit brauchten, bis sie das jeweilige Ticket abgerissen hatten. Es standen übrigens immer zwei an jeder der schmalen Türen, von denen aber nur eine die Karten abriss und die andere dekorativ zur Symmetrie des Anblickes beitrug... sehr seltsam.
Witzig war allerdings, als zwei Frauen, die kurz vor uns dran waren, ihre Karten zeigten und dann erfahren mussten, dass "Starlight Express", für das sie Karten hatten, zwei Häuser weiter ist.
Die hatten dann mal ne halbe Stunde umsonst angestanden...

Nachdem ich zielsicher ein leeres Klo gefunden und benutzt hatte, suchten wir unsere Plätze, was gar nicht so einfach war, da im Foyer und an den Treppen keinerlei Hinweisschilder standen, wo welche Hallenabschnitte zu finden waren. Im Vorbeigehen sah ich noch einen Bekannten, den ich ewig nicht mehr getroffen hatte. Wir hatten keine Gelegenheit zum Reden, aber immerhin wissen wir jetzt, dass es uns noch gibt.
Als wir an unseren Plätzen angekommen waren, entdeckte ich überraschenderweise, dass genau in der Reihe hinter mir eine weitere Bekannte saß. Das war echt nett und wir konnten noch quatschen, bis das Konzert anfing.
Das Konzert selbst war schön. Für meinen Geschmack passten Hallengröße und Musikart zwar nicht zusammen - Liedermacher-Lieder gehören für mich eher in eine heimelige Kleinkunstbühnen-Atmosphäre und nicht in eine Riesenhalle - , aber das änderte ja nicht, dass mir die Musik an sich gefiel. Einige, wenige Lieder kannte ich schon seit Langem. Ich weiß noch, dass ich sie auf unserem allerersten CD-Player auf einer unserer allerersten CDs rauf- und runter gehört habe. Es gab aber auch viele neue Lieder, von denen mir einige richtig gut gefielen. Mein Favorit ist "bunter Hund". Einfach ein total schönes Lied.

In den Moderationen, die anfangs etwas atemlos klangen, (Hatte der Mann vorher noch einen Marathon gelaufen? Seiner Figur nach könnte das sein...) und auch in manchen Liedern spürte man, dass Reinhard Mey durchaus den Alt-68ern und der pazifistischen Bewegung angehörte.
Seine Appelle gegen Krieg, die Bundeswehr etc. waren deutlich und für meinen Geschmack etwas zu viel.
Ebenso die etwas unterschwelligere, aber dennoch deutlich vernehmbare "Habt euch alle lieb"-Botschaft.
Da ich weniger auf Konzerte gehe, um mir politische Botschaften anzuhören, als vielmehr, um Spaß zu haben und schöne Lieder zu hören, hätte das für mich nicht sein müssen. Aber gut, ganz unrecht hat er ja nicht und es ist schließlich seine Sache, wie er seine Konzerte gestaltet, ne?

Im Grunde fand ich den Wechsel zwischen Moderationen und Liedern aber gut und bei der Moderation über die völlig chaotschen Teenager-Zimmer, in denen eine halb gegessene Pizza Funghi mit der Pizzaschachtel eine Symbiose eingeht und dann neue Pilze auf ihr wachsen, hab ich mich echt weggelacht.
Gelungen fand ich auch die Mischung zwischen ernsthaften und lustigen Liedern. Es gab z.B. ein Lied über einen verstorbenen Kinderfreund verbunden mit der Frage, was passiert wäre, wenn die beiden Jungs an dem Tag, an dem der eine bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, ihren Hausarrest ausgessen hätten oder einfach nur 5 Minuten später aus dem Haus gegangen wären.
Oder von zwei Wachhunden, die gerne mal freundlich wären und überhaupt allzu viele menschliche Züge hatten.

Auf der anderen, lustigen Seite wurde das Aussehen des menschlichen Hinterteils aufs Korn genommen und den Frauen bewusst gemacht, dass sie nun in der Emanzipation so weit gekommen seien und nur an einer alten Fessel immer noch festhielten: der Abendpantolette... ein Segen, dass Männer ohne Probleme graue Frotteesocken in Sandalen tragen können. Im Sommer kombiniert mit Shorts.

Gerade die ernsteren Lieder waren so geschrieben, dass man sich oft sehr genau in die Welt der Hauptpersonen veretzen konnte. Man spürte die Einsamkeit des alten Wachhundes und die Fragen, die den 13jährigen Jungen beschäftigen, nachdem sein Freund überfahren wurde.

Insgesamt war es ein schöner Abend, der einen zum Nachdenken, aber auch zum Lachen brachte und dessen Melodien einen manchmal angenehm einlullerten und entspannten. Etwas befremdlich - zumindest für Angehörige meiner Generation - waren die stark pazifistischen und kriegsgegnerischen Botschaften und die "Habt euch alle lieb"-Botschaft. Außerdem die Rückblicke auf Zeiten, wo die Liebe frisch und die Kinder klein waren. Wobei letzteres vermutlich daran liegt, dass ich einfach noch keine Kinder habe, denen ich nachtrauern könnte. Vielleicht finde ich das Thema ja in 20-30 Jahren total toll?
Wer damit leben kann, dass Reinhard Mey seine Konzerte nicht nur zur Unterhaltung nutzt, sondern eben auch zur Vermittlung seiner Weltanschauung, kann dort einen schönen, nachdenklich-lustigen Abend verbringen. Dabei ist aus meiner Sicht eine kleine Halle einer größeren immer vorzuziehen...

Wochenend-Huhn am 19.10.08 15:56

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